Truemind

AGIL: Überschätzt oder tatsächlich brauchbar?

AGILITÄT auf dem Prüfstand

AGILES ARBEITEN ist in aller Munde und wird von Vielen als DIE ANTWORT auf eine sich stark verändernde Arbeitswelt gefeiert. Wieso eigentlich? Der Versuch eines Resümees.

  • Woher kommt der Hype um AGIL und was soll es bedeuten, AGIL zu arbeiten?
  • AGIL: Hohe Erwartungen vs. Realität
  • AGIL: Tool vs. Mindset
  • Fazit und Handlungsempfehlung

Woher kommt der Hype und was bedeutet es?

2001 scheint der Beginn der agilen Bewegung zu sein. Eine Gruppe von 17 erfolgreichen und respektierten Softwareentwicklern formulieren das „Manifesto for Agile Software Development“ (http://agilemanifesto.org/). Unter Ihnen auch Ken Schwaber, Jeff Sutherland und Mike Beedle, die Väter von Scrum, der wohl bekanntesten agilen Arbeitsmethode in Deutschland. Soweit so gut. AGIL ist also aus den Bedürfnissen einer Branche entstanden, die sich von Beginn an mit dem altbewährten Top-Down-Management nur schwer identifizieren konnte. Die vier Leitsätze des agilen Manifests besagen folgendes:

  • Individuen und Interaktionen haben Vorrang vor Prozessen und Werkzeugen.
  • Lauffähige Software hat Vorrang vor ausgedehnter Dokumentation.
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden hat Vorrang vor Vertragsverhandlungen.
  • Das Eingehen auf Änderungen hat Vorrang vor strikter Planverfolgung.

Dem linken Teil (fett hervorgehoben) soll dabei die Priorität zufallen, ohne den rechten Teil zu verteufeln oder zu vernachlässigen. Der Terminus „Lauffähige Software“ kann und wird nun vielfach durch z. B. „funktionierende Produkte“ oder „funktionierende Dienstleistungen“ ersetzt, um die Leitsätze universell in anderen Bereichen, neben der Softwareentwicklung anwendbar zu machen.

AGIL zu arbeiten bedeutet hiernach vor allem hohe Flexibilität, Kommunikation, Eigenverantwortung und eine „getting things done fast“-Mentalität, vor dem Hintergrund sich quasi stetig verändernder Ansprüche an das Endprodukt der Arbeit anzupassen. Und das auch noch, während des laufenden Fertigstellungsprozesses. Ergänzend werden 12 weitere AGILE Prinzipien aufgerufen, die das Gerüst der vier Leitsätze mit Leben füllen sollen. Der schwammige Begriff AGILES-Mindset taucht hier zum ersten Mal mit auf.

AGIL zu arbeiten liefert damit auf den ersten Blick die passende Antwort auf einen bereits vorhandenen oder gefühlten Druck, den viele Unternehmen und Entscheider durch den allgegenwärtigen ultraschnellen digitalen Wandel verspüren.

Spielen Sie als Entscheider mit dem Gedanken agile Arbeitsmethoden in Ihrem Unternehmen einzuführen oder haben Ihre Vorgesetzten sich entschieden, agile Arbeitsmethoden einzuführen? Dann könnte sich hier und jetzt ein weiterer Blick lohnen.

AGIL: Hohe Erwartungen vs. Realität

Einfach schnell auf AGIL umstellen und alles wird gut?

Weit gefehlt!

Wer auf agile Arbeitsmethoden setzen möchte, sollte sich im Vorfeld erst einmal mit entscheidenden Fragen und Kausalzusammenhängen auseinandersetzen. Das klingt logisch und ziemlich banal, wird aber viel zu oft, aus hektischem Aktionismus heraus, übergangen oder nur oberflächlich und beiläufig abgehandelt. Das führt zur Umwälzung und Neuausrichtungen von Prozessen und ganzen Organisationen, ohne zuvor ein erfolgsentscheidendes, solides Fundament für diese Vorgänge zu schaffen.

Hinzu kommt: Eine schonungslose, möglichst objektive Selbstanalyse ist verdammt schwer!

Die folgenden Fragen dienen als Denkanstoß und sollten im Vorfeld der Einführung von agilen Arbeitsmethoden zwingend geklärt werden:

  • Welches klare Ziel verfolge ich mit der Einführung agiler Arbeitsmethoden?
  • Wie mache ich dieses Ziel valide messbar?
  • Was bedeutet agiles Arbeiten für meine eigene Rolle?
  • Sind meine Mitarbeiter in der Lage, die Anforderungen einer agilen Arbeitsweise nachhaltig umzusetzen?
  • Wie hoch sind die eventuellen Widerstände unter den Mitarbeitern gegenüber agilen Arbeitsmethoden oder generell Neuem?
  • Wie baue ich das zwingend notwendige Vertrauen im Team auf, um so die Grundlage für agiles Arbeiten zu schaffen? Genieße insbesondere ich genügend Vertrauen für diese Aufgabe?
  • In welchen Bereichen ist agiles Arbeiten überhaupt sinnvoll und wo reicht eine leichte Optimierung und Erweiterung von Altbewährtem?

Es ist unabdingbar, dass Sie schonungslos, offen und ehrlich mit der Ergebnisfindung zu diesen Grundsatzfragen, rund um agiles Arbeiten, umgehen, gerade sich selbst gegenüber. Sollten Sie dies als schwierig empfinden, bitten Sie jemanden, der in der Lage ist, Ihnen als Entscheider die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, in dieser Phase hinzu. Ego ist in diesem Fall völlig fehl am Platz!

Ohne eingehende und ehrliche Auseinandersetzung mit diesen und noch weiteren klar definierten Fragen, läuft man schnell Gefahr in die Aktionismus-Falle zu tappen. „Es muss besser werden!“ „Es muss sich was ändern!“ „Wir stellen auf AGIL um!“. Oder noch schlimmer „Wir werden jetzt AGIL!“

 

AGIL: Tool vs. Mindset

Wie oft habe ich folgendes schon gehört oder gelesen. „Wir arbeiten nicht AGIL, wir sind AGIL!“ „AGIL ist keine Arbeitsweise, sondern ein Mindset!“ „Entweder man ist AGIL oder man ist es nicht!“

Ende 2018 hat die ING-DiBa das Ziel ausgerufen die erste Bank in Deutschland werden zu wollen, die vollkommen AGIL arbeitet (https://www.ing.de/ueber-uns/menschen/agile-bank/). Dazu gehört auch dieses sportliche Youtube-Video:

Hier fallen folgende Sätze ca. in der Mitte des Videos: „AGIL-working ist unser Mindset. Man agiert nicht AGIL, man ist AGIL!“

Dazu einmal Klartext:

AGILES Arbeiten, AGILE Arbeitsmethoden, AGILES Projektmanagement. All diese Dinge sind Tools! Kein Mindset! Keine Geisteseinstellung! Keine Glaubensgrundlage! Keine Religion! Einfach Tools, die ich zum Erreichen eines zuvor definierten Ziels nutzen kann oder eben nicht. Ich nehme das AGILE nicht mit nach Hause oder in mein Privatleben. Ich gehe nicht AGIL auf Dates, ich treffe mich nicht AGIL mit meinen Freunden und ich treibe auch nicht AGIL Sport.

Woher ich dies so genau weiß und beurteilen kann?

Die truemind arbeitet selbst projektorientiert AGIL in Wochensprints und ist selbst SCRUM-zertifiziert. Wir organisieren sämtliche interne Abläufe und Vorbereitungen für unsere Kunden AGIL. Dabei hilft uns der Einsatz des Projektmanagementtools Trello (https://trello.com/de) ebenso, wie die Punktevergabe für die einzelnen Aufgaben und Wochensprints, um das wesentliche im Auge zu behalten. Diese Arbeitsweise erlaubt uns als Team schnell und effektiv auf Veränderungen zu reagieren, sowie große Freiheiten in der Arbeitseinteilung. Sie verlangt allerdings auch ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Selbstorganisation. Sonst kann man sich sehr leicht verzetteln. Aber auch bei der truemind gibt es Ausnahmen, z. B. für langfristige strategische Themen. Ich arbeite eben AGIL, wenn es meinem Ziel dient und auch nur dann. Sollte ich aus freien Stücken, Teile dieser Methode nutzen und in anderen Bereichen anwenden, ist das super. AGIL wird deshalb nicht gleich Teil meiner Identität, besonders nicht als von außen verschriebener Medizin.

Fazit und Handlungsempfehlung

Eine detaillierte, kritische Auseinandersetzung mit der Materie im Vorfeld ist unabdingbar. Was will ich verbessern? Welches Problem will ich lösen? Welches Ziel erreichen? Nur dann bin ich in der Lage zu analysieren, welche Schritte als nächstes eingeläutet werden sollten. Sonst lautet das Ziel, lediglich schnell AGIL zu werden und das um jeden Preis. Vergessen Sie nicht, AGIL ist eine Methode, ein Mittel zum Zweck, nicht das Heilmittel per se. Es muss zu Ihrem Unternehmen, Ihren Mitarbeitern und Ihrer Problemstellung passen. Nur dann, können Ihnen agile Arbeitsmethoden einen echten Beitrag zum Erfolg des Unternehmens beitragen.